Opfer einer toxischen Beziehung?

Per Definition ist jede Beziehung, die langfristig – oft schleichend und subtil – das körperliche und/oder seelische Wohlbefinden eines der beiden Partner beeinträchtigt, toxisch. Mit anderen Worten, toxisch (zerstörerisch/giftig) wird eine Beziehung nicht durch das lieblose, missbräuchliche Verhalten eines Partners, sondern durch das dauerhafte Verweilen des Zweiten in dieser entwürdigenden, schmerzhaften Situation.

Im Netz findet man eine Vielzahl von Beschreibungen sogenannter toxischer Persönlichkeitstypen. Der Grund-Tenor ist in der Regel der, dass beziehungsgestörte Menschen (Borderliner/Narzissten/verdeckte Narzissten/ Manisch-Depressive/Schizoide/Autisten  usw.) Quelle und Ursache des Leidens empathischer Menschen sind – Menschen, die sich mit den besten Absichten auf diese Beziehung eingelassen haben. Es gibt Listen mit Merkmalen toxischer Beziehungen und verschiedenste Ratschläge für Betroffene zum Umgang mit der Situation. Der Kern und die Dynamik solcher Beziehungen wird aber oft nicht berührt und betrachtet:

Ist der Gefühls-Mensch oder Empath tatsächlich lediglich Opfer der Umstände?

Ich möchte die Sicht auf das Thema erweitern und einmal das Wechselspiel dahinter beleuchten: Es ist wichtig zu verstehen, dass wir mit Menschen in Resonanz gehen, uns von ihnen angezogen fühlen und uns in sie verlieben, die sich auf einem vergleichbaren Entwicklungsniveau befinden und die ähnliche Verletzungen und unbewältigte Ängste aus der Kindheit in sich tragen. Kein Mensch kann einem unabhängigen, in sich gefestigten, selbstbewussten Erwachsenen, der in der Lage ist für sich selbst gut zu sorgen, der seine Bedürfnisse kennt und sich abzugrenzen weiss, anhaltenden seelischen Schmerz zufügen. Wenn wir aufgrund des Verhaltens eines anderen Menschen leiden, dann triggert/aktiviert dieser Mensch alte Verletzungen mit ihrem Schmerz in uns, die wir schon lange in uns tragen. Wir haben in der Kindheit aufgrund der existenziellen Abhängigkeit von der Liebe unserer Eltern – je nach individueller Situation in der Ursprungsfamilie und je nach genetischer Veranlagung – verschiedene Verhaltensstrategien entwickelt, um diese Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen und um unangenehme Gefühle (Angst, Ablehnung, Trauer, Einsamkeit usw.) zu vermeiden: Der Gefühlsmensch hat gelernt durch hochsensibles Beobachten seiner Umwelt jede Gefühlsveränderung der Eltern zu registrieren und durch entsprechendes Verhalten auszugleichen. Der Mensch mit ausgeprägt narzisstischen Anteilen hat dagegen die Strategie entwickelt, sich in eine eigene Realität zurückzuziehen. Er hat für sich beschlossen, dass es sicherer ist, sich von den Gefühlen anderer komplett abzukoppeln, um nicht verletzt zu werden.

Siehe auch:       www.katikoerner.de/wenn-dem-partner-empathie-fehlt/

Ist es wirklich reiner Zufall, dass der Empath immer wieder an Partner gerät, die ihn emotional aushungern, ausnutzen, belügen und verletzen? Nein, das ist zwangsläufig so. Es wird ihm solange passieren, bis er verstanden hat, dass man Liebe nicht durch Tun, Unterordnung, Anpassung und die Verleugnung eigener Bedürfnisse und Werte erkaufen kann und das auch nicht muss. Negative Glaubenssätze über sich selbst, wie “Ich bin nicht gut genug” , “Ich bin nicht liebenswürdig”oder “Ich kann nicht allein für mich sorgen” gilt es zu erkennen und aufzulösen. Der vermeintliche Narzisst (genau genommen der Mensch mit ausgeprägt narzisstischen Anteilen) stellt sich dem Gefühlsmenschen, dem Partner mit übermässig empathischen Zügen, unbewusst als eine Art Spiegel zur Verfügung: Er zeigt ihm durch sein distanziertes, unzuverlässiges und verletzendes Verhalten, wie lieblos, unaufmerksam und gefühlskalt er mit sich selbst umgeht. Denn all seine Kraft und Aufmerksamkeit richtet der Empath nach aussen, spürt die Befindlichkeiten seines Gegenübers und passt sein Verhalten ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse dementsprechend an. Das ist nicht so edel und uneigennützig, wie es auf den ersten Blick erscheint: Denn er hat unausgesprochene Erwartungen. Im Gegenzug erhofft er Liebe, Anerkennung, Schutz und Geborgenheit von seinem Partner zu bekommen – Dinge, die er glaubt, sich selbst nicht geben zu können. Was ihm in der Regel nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass auch er Angst vor Intimität und Nähe hat. Sie kommt in einer solchen Beziehung nur nicht zum tragen, denn der Partner sorgt für genügend Distanz.

Siehe auch:        www.katikoerner.de/angst-vor-intimitaet-und-naehe/

In solchen Beziehungen geht es im Prinzip um das Finden einer gesunden Mitte durch die Auflösung kindlicher Ängste und Verletzungen. Beide Partner sind hier aufgefordert, sich die Frage “Was lebt der andere, was ich nicht lebe?” zu stellen und diese vernachlässigten Aspekte zu integrieren. Der Empath ist angehalten zu lernen, sich selbst Wert zu schätzen und sich um die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu kümmern. Der Narzisst wird in diesem Prozess die Möglichkeit haben, seine Angst vor Hingabe und dem sich daraus ergebenden Kontrollverlust durch ein sich öffnen und verletzlich zeigen zu überwinden. Die Rückkehr in die eigene Mitte ist Voraussetzung für ein glückliches harmonisches Leben, denn dafür benötigen wir gesunde empathische UND narzisstische Anteile.

Jede Beziehung – und diese im besonderen – gibt uns die Möglichkeit uns weiter zu entwickeln und zu reifen. Erkennen wir das nicht, dann wird uns das Leben immer wieder ähnliche Herausforderungen stellen, bis sich ein Leidensdruck entwickelt, der uns dazu befähigt, aus der Komfortzone zu treten und Widerstände aufzugeben. Der wichtigste Schlüssel auf diesem Weg ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Um eine langfristig stabile und erfüllte Liebesbeziehung möglich zu machen hilft es dem Betroffenen also nicht im Geringsten, die Aufmerksamkeit nach aussen auf den Partner zu richten und durch Aneignung von Wissen zum Thema “Toxische  Beziehung” ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zu erlangen. Solange die Unfähigkeit des Empathen, sich selbst zu lieben und gut für sich zu sorgen, zu heftigen Verlustängsten führt wird der dadurch erzeugte Gefühls-Coctail mit einer ganz besonderen und unsterblichen Liebe zum Partner verwechselt. Man glaubt, den anderen zu brauchen, um weiter existieren zu können. Deshalb fühlt man sich trotz aller Not nicht in der Lage, die ungesunde Beziehung zu beenden. Zur seelischen Not gesellen sich im Laufe der Zeit oft noch chronische körperliche Beschwerden, Depressionen oder Schlaflosigkeit.

Es gibt also weder Opfer noch Täter in einer solchen Konstellation, sondern nur zwei Menschen, die das Leben zusammengeführt hat, um ihnen die Chance zu geben, alte Wunden zu heilen und erwachsen zu werden. Es kommt einzig und allein darauf an, ob man diese Chance erkennt und nutzt.

Siehe auch:           www.katikoerner.de/bindungsstile

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