Der “Tanz” der Intimität – Sind Sie emotional verfügbar?

In den vergangenen Beiträgen habe ich darüber gesprochen, daß es durch eine fehlende Balance zwischen empathischen und narzisstischen Persönlichkeitsanteilen in Beziehungen oft zu ungesunden Dynamiken kommt, die nur aufgelöst werden können, wenn sich die Beteiligten der Hintergründe, Mechanismen und eigenen Muster bewußt sind und mit der Aufarbeitung beginnen.

Dieser Artikel soll das Verständnis weiter vertiefen, Hilfe zur Selbstreflexion sein und Anstöße für Veränderung geben.

Der eine Partner sucht Kontakt und Nähe, geht auf den anderen zu. Dieser verschließt sich, weicht aus, zieht sich zurück. Beide Partner können manchmal die Rollen auch tauschen, behalten dabei aber immer den selben Abstand zueinander. Die unausgesprochene “Absprache” ist, daß der Nähe suchende den sich Distanzierenden “jagt”, aber nie einholt, und daß der Vermeider “flüchtet”, aber nie wirklich ganz! Die Partner “verhandeln” unbewußt den emotionalen Raum, der zwischen ihnen liegt  immer wieder neu. Wahre Intimität kann so nicht entstehen.

Wir haben das Bedürfnis nach beidem – Intimität und Autonomie, Unabhängigkeit und Zugehörigkeit. Aber zugleich fürchten Menschen mit Bindungsstörungen sowohl das Verlassen werden als auch zu große Nähe zu einem zweiten. Daraus entsteht ein Dilemma:

Wie können wir jemandem nahe genug sein, um uns sicher zu fühlen ohne daß es für uns zur Bedrohung durch zu viel Nähe wird?

Forschungen belegen, daß Intimitätsprobleme in der Kindheit und in der Beziehung zu den nächsten Bezugspersonen (Mutter/Vater) ihren Ursprung haben. Der genaueren Betrachtung dessen widme ich mich in einem späteren Artikel.

Auf den ersten Blick ist nur der Partner mit der Rückzugs- und Vermeidungstendenz derjenige, der Intimität scheut und emotional nicht verfügbar ist. Dagegen spricht, daß viele Menschen in ihren vergangenen Partnerschaften sowohl einmal die eine als auch einmal die andere Rolle eingenommen haben! Oft ziehen Menschen unbewußt ihren Gegensatz ins Leben, “um sich ganz zu machen”. Der Nähe suchende ist sich dessen nicht bewußt, daß er ebenfalls Angst vor Intimität hat. Er verläßt sich (unbewußt) auf den Vermeider, der genug Raum für Distanz schafft. Der distanzierte Partner hat die gleiche Angst verlassen zu werden, spürt aber den Wunsch nach emotionaler Nähe aufgrund seiner in der Kindheit erlernten Schutzmechanismen nicht mehr. Er würde sich zu verletzlich fühlen. Also braucht er einen Nähe suchenden Partner, um sein Bedürfnis nach Intimität befriedigen zu können.

Der Vermeider sagt über den Nähe suchenden: ” Er/Sie ist zu fordernd, zu abhängig, zu emotional und bedürftig” und fragt sich: “Kann ich lieben?” “Bin ich selbstsüchtig?” Er/Sie glaubt: “Was ich gebe scheint nie genug zu sein.”

Der Nähe suchende sagt über den Vermeider: “Er/Sie ist selbstsüchtig, unaufmerksam, unflexibel und zurückgezogen.” und fragt sich: “Stimmt da etwas nicht mit mir?” Er/Sie glaubt: “Ich bin nicht gut genug”. “Ich bin nicht liebenswert”.

Der Vermeider glaubt den Bedürfnissen des Partners nicht zu  genügen. Und den Nähe suchenden frustriert es, seine Bedürfnisse nicht befriedigt zu bekommen.

In Wahrheit verurteilt der Vermeider den Teil in sich, der bedürftig, abhängig und verletzlich ist. Und der Nähe suchende verurteilt den Teil von sich, der selbstsüchtig ist und die Autonomie sucht: JEDER SIEHT DEN TEIL, DEN ER IN SICH SELBST NICHT ANNEHMEN WILL IN DER PROJEKTION AUF DEN PARTNER.

LÖSUNG:

Beide können lernen, den abhängigen und unabhängigen (weiblichen und männlichen) Anteil ihres Selbst zu integrieren und anzunehmen. Sie sollten sich ihrer Gefühle und Bedürfnisse bewußt werden und anfangen, das zu riskieren, was sie am meisten fürchten:

Der Nähe suchende: “selbstsüchtiger” und unabhängiger sein / dem Impuls “hinterher zu rennen” zu widerstehen / negative Gefühle des verlassen werdens anzunehmen, auszuhalten und zu tolerieren

Der Vermeider: Verletzlichkeit anzunehmen und Bedürftigkeit zuzulassen / dem Impuls sich zurück zu ziehen zu widerstehen / das bedrückende Gefühl von zu viel Nähe anzunehmen, auszuhalten und zu tolerieren

In diesem Prozeß können frühkindliche Gefühle von Angst, Leere und Verzweiflung (v.a. beim Nähe suchenden) oder Scham, Trauer und Wut (v.a. beim Vermeider) entstehen. Wenn wir es schaffen, diese Gefühle zuzulassen und auszuhalten entsteht neben echter Liebesfähigkeit ein neues Selbstgefühl und Selbstbewußtsein.

Der Nähe suchende lernt vom Vermeider die Fähigkeit sich abzugrenzen, sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern und Prioritäten für sich zu setzen. Der Vermeider lernt vom Nähe suchenden Flexibilität, die Fähigkeit um Unterstützung zu bitten und andere Menschen zu fühlen.

Beide sollten für ihre Bedürfnisse nach Nähe UND Distanz Verantwortung übernehmen: Der Nähe suchende, indem er riskiert “Nein” zu sagen und die Angst durch Trennung aushält und der Vermeider, indem er Sätze wie “Ich vermisse dich” oder “Ich sehne mich nach deiner Nähe” wagt zu artikulieren.

Bei Fragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung Ihre Kati Körner

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